Zivildienst - der bessere Wehrdienst?

 
   
 

Vom August 1996 bis zum September 1997 leistete ich meinen Wehrdienst bei der Johanniter Unfall Hilfe im Bereich Rettungsdienst ab. Mehr dazu hier.

Anstatt hier jetzt lang und breit zu erzählen, warum ich den Wehrdienst verweigert habe, stelle ich einfach meine Verweigerung ins Netz - sicher, das eine oder andere ist ein wenig ausgeschmückt, aber im großen und ganzen meinte ich das, was ich geschrieben habe.

Bis vor nicht allzu vielen Jahren war es fast unmöglich, den Wehrdienst zu verweigern und danach "auch noch" ein normales Leben zu führen - zu sehr saß die Meinung in den Köpfen führender Wirtschafts-Verantwortlicher, daß Verweigerer Querköpfe und Anarchisten seien. Dieses Bild hat sich - Gott sei Dank - inzwischen stark geändert: Der Zivildienst hat sich (zu Recht!) zu einer gleichwertigen Alternative gewandelt - ein weiterer Grund zur Verweigerung.

Bleibt die Hoffnung, daß der Tag kommt, an dem nicht mehr jeder männliche 18jährige zu dieser Qual der Wahl kommt und die Berufsarmee endlich abgeschafft wird.

Bastis Verweigerung

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   Im folgenden werde ich meine Beweggründe darlegen, warum ich mich dazu entschlossen habe, den Dienst mit der Waffe zu verweigern.

   Grundlage für meine Kriegsdienstverweigerung ist die Tatsache, daß ich Christ bin. Wie Sie meinem Lebenslauf entnehmen können, wurde ich vor fünf Jahren getauft. Der Prozeß zur Taufe war bei mir - anders als bei den meisten anderen Menschen - ein aktiver Vorgang, ich habe mich bewußt zum Christsein entschieden. Der Grund dafür waren meine Erfahrungen mit der Umwelt: In den Nachrichten hörte ich täglich von neuen Schlachten in den weltweiten Kriegen (der Golfkrieg war gerade vorbei - ich habe mich damals zwar nicht an den vielen Schülerdemonstrationen beteiligt, die ich ohnehin für sinnlos hielt - machte mir dafür aber um so mehr persönliche Gedanken). Die weltweite Gewalt war für mich fürchterlich.

   Daran hat sich bis heute nichts geändert: Meine Einstellung zur Gewalt ist die gleiche geblieben - wenn ich auch heute mehr den Sinn in einer aktiven Friedenssicherung sehen kann. Dennoch bleiben für mich diese Worte ein Paradoxon: Der Friede ist ein Geschenk (für mich als Christ ein Geschenk Gottes), das man annehmen und teilen kann. Durch Waffengewalt einen tiefgehenden Frieden zu erlangen, halte ich für unmöglich.

   Zwar kann ich mich dem Tucholsky-Zitat "Jeder Soldat ist ein potentieller Mörder" nicht kompromißlos anschließen - jeder Mensch ist gleichermaßen in der Lage, anderen das Leben zu nehmen. Dennoch sehe ich die Gefahr, in eine solche Lage zu kommen, bei der Ausübung des Wehrdienstes wesentlich stärker. Ich befürchte, daß - wenn vielleicht auch nicht absichtlich - die Hemmschwelle zur Anwendung von Gewalt und besonders zum Töten in der Ausbildung zum Soldaten gesenkt wird.

   Genauso prägend wie die Gewalt im großen Rahmen, dem Krieg, waren für mich Schicksale einzelner Menschen. Ich erinnere mich noch heute mit Schrecken an Bilder, die ich vor einigen Jahren (im Alter von etwa 11-12 Jahren) alleine in der Tagesschau sah: Bei einer Flugzeugentführung wurde eine Geisel getötet und der leblose Körper aus dem Cockpit geworfen. Noch heute kann ich genau vor mir sehen, wie die Leiche wie ein nasser Sack zu Boden fiel. Diese Mißachtung jeglicher menschlicher Rechte, Ehre und Würde ist für mich unerträglich.

   Selbstverständlich ist für mich der Dienst in der Bundeswehr nicht automatisch und ausschließlich ein Drill zum Töten. Dennoch sehe ich mich in starken Konflikten, dazu erzogen und trainiert zu werden, Menschen zu töten - selbst wenn sie Feinde meines "Vaterlandes" sind. Denn die Bibelworte aus Matthäus 5, 44 "Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen" haben sich für mich auch im Alltagsleben bewahrheitet: Ich halte den Schritt aufeinander zu für die einzige Möglichkeit, Konflikte endgültig aus dem Weg zu räumen.

   Ein weiterer Konflikt entsteht bei mir, wenn ich den Weg sehe, mit dem heute Kriege geführt werden: Der Kampf Mann gegen Mann ist praktisch ausgestorben. Was noch vor 20 Jahren im Vietnam-Krieg funktionierte, ist heute durch hochtechnologische Waffensysteme ersetzt. Ein einzelner Knopfdruck genügt, um eine fürchterliche Waffe wie die Atom- oder Wasserstoffbombe oder gar Chemische und Biologische Waffen zu starten. In der Bundeswehr wird man sicherlich nicht dazu trainiert, diesen einen Knopfdruck auszuführen. Aber gerade darin sehe ich die Gefahr: Weder der Mann, der auf den "roten Knopf" drückt, noch seine Zuarbeiter, die einfachen Soldaten, sehen die Leiden, die durch diese "Kleinigkeit" verursacht werden. Diese Blindheit den Folgen des Tuns gegenüber ist für mich erschreckend. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Moral wird nicht nur unnötig, sondern praktisch unterbunden - die Konsequenzen dieser Haltung wird im Milgram-Experiment nur zu deutlich. Ich habe Angst, bei der Bundeswehr selbst zu solch kurzsichtigem Denken zu gelangen.

   Auch in jüngster Zeit herrschen wieder schreckliche Kriege auf der Welt - was aber noch schlimmer ist, ist die Tatsache, daß der Schauplatz ein Land in Europa ist, einer für uns so zivilisierten Region. Durch meinen eigenen Dienst an der Waffe würde ich die Probleme nicht verringern, sondern nur vergrößern. Denn noch nie war eine sogenannte "Befriedung" von Dauer, der Widerstand brach immer wieder aus und muß diskutiert und nicht bekämpft werden.

   Nicht nur hypothetisch sind diese Dinge für mich richtig, ich habe sie auch schon oft genug im täglichen Leben erlebt: Sei es die Auseinandersetzung mit meiner älteren Schwester (vor allem in meiner Kindheit), die Diskussion mit meinen Eltern oder der Streit mit Mitschülern, nie sah ich Gewalt als Ausweg oder hatte eine Prügelei den gewünschten Erfolg gehabt. Auch von Seiten meiner Eltern bekam ich nie Gewalt zu spüren. Ich habe nicht nur gemerkt, daß Gewalt unnötig ist, sondern auch, daß sie in keinem Fall eine Lösung der Probleme darstellt.

   Auch die Umstände in meinem unmittelbaren Bekanntenkreis führten dazu, mich zu dieser Verweigerung zu entscheiden. Im letzten Sommer starben kurz nacheinander zwei Freunde, der eine an einer Krankheit, der andere beging unter den Folgen seiner psychischen Labilität - teilweise hervorgerufen durch die psychische Gewalt seiner Eltern - Selbstmord. Ich habe dabei - wie auch am Tod meiner Großeltern - den Schrecken des Todes erkannt. Mich nun aktiv daran zu beteiligen, wie die Voraussetzungen geschaffen werden, weitere Menschen zu töten, ist mir unmöglich.

   Erschreckend fand ich auch die Szenen, die ich in der Schule erlebte: Ohne größere Skrupel ging ein Kind auf ein anderes los, schlug und trat zu, selbst als das Opfer schon weinend am Boden lag - die drum herum stehenden waren kalt genug, um die Rivalen nur noch weiter anzufeuern. Selbst in meinem ehrenamtlichen Dienst in der Kirchengemeinde unter Kindern und Jugendlichen mußte ich immer wieder ansehen, wie (vergeblich) versucht wurde, Konflikte mit Gewalt zu lösen. Diese Mentalität ist mit Sicherheit ein Erzeugnis der Gewaltverherrlichung unserer Zeit: Actionfilme, in denen Tausende von Menschen getötet werden, werden Kindern zugänglich gemacht und teilweise noch als Humor verkauft (ich denke dabei an "Hot Shots 2", den ich (leider) gesehen habe. Gewaltverherrlichende Filme überhaupt gibt es wohl genug, so daß ich keine davon aufzählen muß). Spiele für Computer und Spielekonsolen beinhalten fast immer einen großen Teil an Gewalt - und diese Spiele sind Kindern und Jugendlichen fast frei zugänglich - das Schuldbewußtsein beim Raubkopieren von Computerspielen ist ja fast gleich null. Und so nehmen Spiele wie "Doom" heute die ersten Plätze der Verkaufslisten ein, obwohl sie von Kindern offiziell nicht gekauft werden dürf(t)en.

   Auch die jährlichen Gewaltexzesse an Fasching dürften ein Symptom des gleichen Leidens unserer Gesellschaft sein. Statt friedlich miteinander zu feiern, gibt es immer wieder Schlägereien, jedes Jahr aufs neue kommt irgendein Bekannter mit einem blauen Auge oder einer Zahnlücke von den "Feierlichkeiten" zurück - wie selbstverständlich wird die Gewalt in dieser Zeit akzeptiert, von vielen sogar gewünscht, um ihre Stärke zu demonstrieren.

   Um diesen Tendenzen entgegenzutreten, möchte ich statt mit der Waffe lieber durch Hilfe an kranken und hilfsbedürftigen Menschen meinen Dienst vollziehen. In einer Zeit, in der in Deutschland ein Krieg unwahrscheinlich ist, halte ich ein stehendes Heer ohnehin für unnötig - der Fall des eisernen Vorhangs und unsere Vereinigung mit unseren Brüdern aus dem Osten taten ein übriges, daß ich meinen Dienst am Staat und den darin lebenden Menschen nicht nur lieber, sondern auch nützlicher im Zivildienst vollziehen möchte. In Friedenszeiten wie unserer gilt das Wort Gottes aus dem Buch Jesaja: "Sie sollen ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Sicheln. Ein Volk soll nicht das Schwert gegen ein anderes Volk heben. Auch sollen sie nicht mehr lernen, Krieg zu führen." Vor vielen tausend Jahren hatten die Menschen bereits eine solche Weisheit erlangt, und ich wage nicht, mich dieser zu widersetzen.

   Ich hoffe, eines Tages meine eigene Familie zu gründen. Ich halte es für unverantwortlich, Kinder in eine von Gewalt und Krieg beherrschte Welt zu setzen. Ich sehe die Zukunft unserer Gesellschaft im Frieden und wünsche mir von ganzem Herzen, daß meine Generation der Generation meiner Kinder als gutes Beispiel vorangehen möge. Ich wünsche mir für meine Kinder eine friedliche, gewaltfreie Gesellschaft. Martin Luther King erträumte sich in seiner berühmten Rede eine Bruderschaft der Menschen - und bezog dies auf den Konflikt zwischen Schwarz und Weiß. Weltweit ist dies verwirklicht, aber noch längst ist der Unterschied zwischen Mensch und Mensch nicht beseitigt. Noch immer werden Menschen wegen ihrer Meinung, ihrer Nationalität oder ihres Volkes wegen verfolgt. Mit dem Dienst an der Waffe würde ich dieser Bewegung nur Auftrieb verschaffen.

   Aufgrund meiner grundsätzlichen Einstellung als Christ zum Leben und den Rechten der Menschen ist es für mich unmöglich, dem Staat in der Bundeswehr zu "dienen". Moralische Zweifel würden mich nicht nur beim reellen Schießen auf Lebewesen plagen; bereits das Training oder auch nur die Zuarbeit auf den Ernstfall halte ich für bedrohlich. Schließlich braucht eine ohnehin große Gruppe wie die Bundeswehr meine Hilfe weniger als schwache und hilfsbedürftige Menschen, die zum Teil selbst auch unter den Auswirkungen von Krieg und Zerstörung zu leiden haben. Ich möchte Sie deshalb bitten, meinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung anzunehmen und mich als Kriegsdienstverweigerer anzuerkennen.

Gießen, 27. März 1996